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Artikel: Vatertät: Was passiert, wenn Männer wirklich Care tragen?

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Vatertät: Was passiert, wenn Männer wirklich Care tragen?

Rund um den 8. März ist es wieder so weit. Wir sprechen über Gewalt gegen Frauen, über unbezahlte Arbeit, über Ungleichheit. Manch gehen auf die Straße – am 9. März beim globalen Frauen*generalstreik.

Und gleichzeitig fragen wir uns: Warum verändert sich so wenig?

Vielleicht, weil wir eine Frage noch nicht laut genug stellen: Was würde passieren, wenn Männer wirklich Care trügen – nicht als Unterstützung, nicht als Ausnahme, sondern als Selbstverständlichkeit?

Care-Arbeit ist das Fundament – und es wird systematisch unsichtbar gemacht

Wir leben in einer Welt, in der Fürsorge nicht mitgezählt wird. Wer ein Kind trägt, ein krankes Elternteil pflegt, einen Haushalt organisiert, emotionale Zusammenbrüche auffängt: Das alles erscheint in keiner Wirtschaftsstatistik. Es ist die Arbeit, die alles andere erst möglich macht – und dennoch als „privat", als selbstverständlich, als weiblich gilt.

Das ist kein natürlicher Zustand. Es ist das Ergebnis einer langen politischen Entscheidung: Reproduktionsarbeit aus dem Sichtbaren herauszuhalten, damit das System der bezahlten Arbeit so funktionieren kann, wie es funktioniert. Auf Kosten von Frauen. Und auf Kosten aller, die dabei nicht lernen dürfen, fürsorglich zu sein.

In unserer Community sind fast ausschließlich Frauen. Das überrascht uns nicht – aber es beschäftigt uns täglich.

Matreszenz: Ein Übergang, der einen Namen verdient

Viele von uns begleiten Menschen durch die Matreszenz – den tiefgreifenden Übergang ins Mutterwerden. Der Begriff wurde in den 1970er Jahren von der Anthropologin Dana Raphael geprägt, in Anlehnung an die Adoleszenz. Raphael beschrieb das Mutterwerden als einen umfassenden Übergangsritus: körperlich, emotional, sozial und identitätsbezogen. Wie die Pubertät ist auch die Matreszenz kein einmaliges Ereignis, sondern ein echter Schwellenzustand. Eine Person betritt diesen Übergang und kommt als eine andere heraus.

Laut Raphaels eigenen Worten macht eine Geburt aus einer Frau nicht automatisch eine Mutter – das Mutterwerden ist ein Prozess, der Zeit und Begleitung braucht. Raphaels Aufzeichnungen wurden lange kaum beachtet; erst 2008 wurden sie von der Psychologin Dr. Aurélie Athan wiederentdeckt und in die klinische Praxis übertragen. Mehr über Matreszenz und ihre Geschichte.

Im deutschsprachigen Raum haben die Schwesterherzen Doulas dafür den Begriff Muttertät eingeführt – ebenfalls in Anlehnung an die Pubertät. Ein Wort, das sagt: Das hier ist nicht selbstverständlich. Das hier verdient Begleitung, Sprache und Raum. Denn was wir benennen können, wird greifbar. Was wir benennen können, können wir auch begleiten.

Was aber ist mit Vätern? Mit nicht gebärenden Elternteilen?

Haben wir einen blinden Fleck bei dem, was man Vatertät oder Patreszenz nennen könnte?

Fürsorge ist kein Instinkt – sie ist wie ein Muskel

Neurowissenschaftliche Forschung zur Elternwerdung zeigt klar: Wer echte Care-Verantwortung übernimmt, verändert sich neurologisch. Das Gehirn lernt, feine Signale wahrzunehmen. Ein Weinen weckt auf, das früher untergegangen wäre. Körperspannung, Mimik, Unruhe werden lesbar, bevor ein Wort fällt. Das Denken wird vorausschauend: Was braucht es jetzt? Was fehlt noch?

Studien der Psychologie-Professorin Darby Saxbe von der University of Southern California zeigen, dass sich das Gehirn von Männern mit der Vaterschaft verändert – das sogenannte „Dad Brain" durchläuft ähnliche Prozesse wie das Gehirn einer Mutter: Graue Hirnmasse nimmt ab, neuronale Netzwerke spezialisieren sich. Was wie ein Verlust klingt, ist ein Feintuning – das Gehirn stellt sich auf Beziehung ein.

Das EU-geförderte Forschungsprojekt FATHER TRIALS untersuchte gezielt die Hormone und Gehirne von Männern, die zum ersten Mal Väter werden, und kam zu einem klaren Ergebnis: Pränatale und frühpostnatale Interaktion mit dem Kind macht Väter fürsorglicher. Die Wachsamkeit gegenüber dem Baby nimmt zu. Das Gehirn lernt, auf Verletzlichkeit zu reagieren.

Diese Veränderungen zeigen sich besonders stark, wenn Väter echte Verantwortung tragen – nicht nur gelegentlich helfen.

Fürsorge ist kein weiblicher Instinkt, der sich mit der Geburt wie ein magischer Schalter einschaltet. Sie ist vielmehr wie ein Muskel: Sie wächst durch Beziehung, Verantwortung und Wiederholung. Und wenn man die egozentrischen Männer an den Spitzen von Staaten und Unternehmen betrachtet, könnte man schließen: Dieser Muskel verkümmert, wenn man ihn nicht benutzt.

Wer lernt, die Bedürfnisse eines Menschen zu lesen, der noch nicht sprechen kann, übt etwas Grundlegendes: den Ausstieg aus egozentrischen Wahrnehmungsmustern. Diese Aufmerksamkeit, einmal trainiert, bleibt – weit über die Babyphase hinaus.

Was auf dem Spiel steht

Wenn Väter in der frühen Elternschaft nicht in echte Verantwortung hineinwachsen, bleibt Care dort, wo sie gesellschaftlich schon immer war: bei Frauen. Der Mental Load wird nicht geteilt – er wird delegiert, wenn überhaupt. Frauen organisieren, planen, antizipieren. Männer führen aus, wenn sie gefragt werden. Und Kinder wachsen auf mit dem stillen Wissen: Fürsorge ist Frauensache.

Dabei haben wir aus unserer eigenen Aufgabenverteilung erlebt: „Helfen" ist nicht dasselbe wie Verantwortung über Hoheitsbereiche tragen. Dieser Unterschied ist kleiner als er klingt – und größer als er aussieht. Erst als Christian zwei Tage hintereinander inklusive Nacht allein zuständig war – weil Elisabeth beruflich unterwegs ist und das jede Woche so ist – musste er nicht mehr erinnert werden: an Geburtstage, Unternehmungen, Einkaufen und Kochen. Zugegeben: In den ersten Wochen klingelte sein Wecker noch für so ziemlich alles, bis der Umbau im Gehirn weit genug war. Aber dann war er einfach zuständig. Unsere Kinder wussten es. Und er wusste es.

Wir nennen das keinen individuellen Fehler einzelner Männer. Es ist das Ergebnis einer Kultur, die Care systematisch entwertet und Vätern keine Sprache, keinen Raum und keine Erwartung mitgibt, die Phase der Vatertät wirklich zu durchleben. Toxische Männlichkeit ist dabei oft das sichtbare Symptom – aber darunter liegt etwas Tieferes: ein untrainierter Fürsorgemuskel, eine fehlende Praxis, eine verpasste Entwicklung.

Die Patreszenz ist kein nettes Konzept. Sie ist ein möglicher Hebel. Für eine andere Verteilung von Verantwortung. Für Beziehungsfähigkeit, die über die Kleinkindphase hinauswirkt. Für eine Gesellschaft, in der Care nicht auf den Schultern weniger unsichtbar getragen wird.

Für uns ist das kein Randthema. Es ist Gewaltprävention.

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The Caring Circle ist der Blog der Caring Tribe – ein Ort für alle, die Übergänge begleiten und über eine fürsorglichere Welt nachdenken.

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